Tagebuch
Hier ist in der Projektwoche nach und nach ein Tagebuch mit Gedanken, Erfahrungen und Impressionen über den Entsehungsprozess entstanden.
Aus dem Leben eines Maskenwesens
Monika Schweinsberg schreibt über eine eigenartige Begegnung und über die Enstehung des Maskenwesens Amoebius.
Tag 1
Trotz Regen startet der Bautrupp mit dem Bau des Objekts, suche Schutz unter den Arkaden. Kinder aus dem Kindergarten kommen neugierig und lassen sich alles genau erklären. Erste Frakmente entstehen auf dem Platz. Die Sonne kommt raus und erhellt die Stimmung...

Tag 1 - Nachmittag
Am Nachmittag ist der Platz schon deutlich gefüllt mit den ersten Objektfrakmenten aus Holz und Draht. Langsam entsteht eine Ahnung, wie groß das Objekt werden könnte. Die Theaterspieler haben Anfangs Mühe in dem ganzen Gewusel an Menschen ihren Platz zu finden. Aber nach und nach entstehen kleine Spielorte und Begegnungen. Ein Passant macht es sich auf dem Schaukelstuhl bequem. Fotografen erstürmen den Platz.
Wir bekommen Besuch aus Nikaragua. Unterhaltungen in Englisch. Masken tauchen auf und erobern den Platz. Theaterfiguren und Maskenwesen begegnen sich zwischen den Objekten. Kleine Geschichten entspinnen sich.
Bratwurstduft nimmt den Platz ein. Das Café Luther grillt und bringt Getränke zum mitnehmen.
Trotz anfänglichem Regen ein schöner Auftakt für die Woche. Wir freuen uns auf noch mehr Begegnungen und sich spontan entwickelnde Geschichten.
Tag 2
Kinder stürmen den Platz und bauen mit. Eine Grundschulklasse kommt schon früh morgens und beteiligt sich. Alle Helfer haben zu tun. "Ich brauch noch mehr Draht", "Hier fehlen noch Holzlatten", ruft es über den Platz. Die Kinder bauen auch kleine Objekte, die sie später mit in die Schule nehmen und im Hort ausstellen. Die Eltern schicken sie zur Abschlusspräsentation.
Mancher Gast hält sich eine ganze Weile auf dem Platz auf, schaut zu unterhält sich. Andere, gerade in Kassel angekommen, für zwei Tage zu Besuch, bleiben am Bauplatz hängen klinken sich in den Bau ein, wollen morgen wieder kommen.
Heute entstehen spezielle Teile - da eine Art Antenne oder sieht es aus wie ein nackter Regenschirm? Da ein Würfel, beinahe ein Käfig mit einer versteckten XII...
Leider spielt das Wetter immer noch nicht mit. Alle sind etwas durchgefrohren, da hilft der Tee nur ein wenig. Auch das Publikum scheint sich vom schlechten Wetter wieder schneller zu vertreiben.

Die Theaterfiguren beleben heute den Weg, der am Platz vorbei führt. Manchmal fühlt man sich in andere Zeiten versetzt. Passanten sind irritiert, mancher scheint zu flüchten, andere bleiben neugierig stehen und schauen. Gäste von gestern finden sich wieder ein.
Wenn die Masken den Platz betreten verändert sich erneut die Qualität. Eine plötzliche Ruhe scheint sich zu entwickeln und den Platz zu verzaubern. Kinder entdecken ein Maskenwesen und spielen mit ihm - stellen Fragen, versuchen eine Unterhaltung...
Tag 3 - Frühstück
Ein Brief von Amoebius
Sehr geehrte Frau Stein, liebes Fräulein Lenz, sehr verehrter Bryan,
ich bedanke mich recht herzlich für Ihre exzellente Bewirtung heute früh und für die ausgezeichnete Gesellschaft.
Der Spätburgunder aus den Gran Ini-Weinbergen Ihrer Hochwohlgeboren ist mir ein Genuß gewesen - ich werde ihn weiterempfehlen- auch Ihre vorzüglichen Bon belle Käsehäppchen haben gemundet.
Beklagen muss ich leider Ihre Bestuhlung -mit Verlaub, Fraulein Lenz- ich habe mir ein Hühnerauge gesessen.
Die allerliebsten anwesenden Damen möchte ich recht freundlichst Grüßen, zuallererst die enorm virtuose Violonistin Fraulein Schmidt und die liebenswürdige Kinderfrau, deren Name mir leider entfallen ist.

Einen famosen Toast möchte ich auf meine Busenkompagnons aussprechen: auf Herrn Professor Dr. Düsterwald, den Herrn Bauingenier und Herrn Seidenschwanz, deren Wohlergehen mir sehr am Herzen liegt.
Ich bedanke mich für Ihre freundliche Einladung zum Stapellauf am Samstag abend und hoffe mich meinerseits dann entsprechend bedanken zu können.
Ihr ergebenster Amöbius
Endlich Sonne!
Endlich gesellt sich die Sonne zu uns. Für das Frühstück hätten wir uns kaum ein besseres Wetter wünschen können. Die Stimmung ausgelassen und beschwingt. So startet der Bautrupp. Die "Holzklumpen" werden zusammen getragen und zusammen gesetzet. Das was vorher wahllos aussah und manchem Passanten die Falten in die Stirn brachte, wird nun ein Ganzes. Nach und nach entsteht - wir können es selbst kaum fassen - ein Schiff.
Ein Schiff!
Immernoch sind es Latten, die aneinander gezwirnt sind - kreuz und quer - aber wenn man es nun betrachtet kann man es deutlich erkennen. Ein Schiff - wir haben ein Schiff!

Das Objekt verändert das Spiel der Figuren - sie haben nun einen eindeutigen Bezugspunkt und Spielzentrum. Die Figuren verschiffen ihre Sachen - langsam entstehen Bilder, wie die Abschlussaufführung aussehen könnte...
Tag 4
Beginnt der Tag kühl und beinahe noch nebelig, entpuppt er sich am Nachmittag dann doch nochmal als ein schöner Tag mit Sonne und lebendigkeit.
Der Platz füllt sich heute immer mehr. Passanten, die dem Treiben seit Tagen immer wieder zuschauen bleiben heute länger stehen, lassen sich zum mitbauen annimieren, freuen sich auch, dass sie nun scheinbar erkennen können was entsteht und entstanden ist.
Das Spielhaus Landaustraße kommt mit einigen Kindern vorbei und die bauen fleißig mit. Noch eine Gruppe trifft ein und noch mehr Passanten - der Platz ist so voll, wie in der ganzen Woche noch nicht. Die Masken haben zum Teil Schwierigkeiten, über den Platz zu kommen. Zeitweise wirkt es wie ein großer Kindergeburtstag - überall ist was los - die einen bauen, andere schaukeln, spielen, lachen, selbst die Theaterfiguren bekommen manchmal was von verkleideten großen Kindern, die ihren Spaß daran entwickeln einfach drauf los zu spielen.

Der Kapitain steht auf dem Schiff und kündigt die baldige Abfahrt durchs Megaphon an. Eine Malerin skizziert Figuren und Passanten - die Bilder hängen nun auf einer Wäscheleine. "Elvis ist weg - haben Sie Elvis gesehen?" - Elvis ist der Hund einer feinen Dame, die gerade verzweifelt über den Platz läuft. Zum Glück hat der Hausmeister alles im Griff und auch Elvis unter seinen Schutz genommen. Dem Professor für Ungenauigkeiten ist heute vieles viel zu genau. Die Masken tanzen zum Spiel der Geigerin. Der Professor beginnt eine Scherpe von Amoebius zu verknoten und beginnt damit ein Hexenspiel mit Gästen, Bautrupp und anderen Figuren. Das Schiff scheint nach und nach einen Drachenkopf zu bekommen. Der Platz lebt und pulsiert...
Tag 5
Der Geist
So hatten wir den Platz nicht verlassen - als wir am morgen auf dem Platz stehen, trauen wir unseren Augen kaum. Die über Nacht eingeschlossenen Latten liegen über den Platz verteilt - zum Teil in Formationen aufgestellt - wie ein Lagerfeuer oder als eine Art Lattenzaun in Reih und Glied - ein großer halber Stern ist auf den Boden gelegt. Das Schiff ist mit Stoff und Plastik geschmückt und einige Steine zu Türmen gestpelt. Soweit hat es was faszinierendes.

Leider hatten wir vergessen den Draht in den Bus zu tun - auch der ist über den ganzen Platz gespannt und um das Schiff herumgewickelt, so dass wir Mühe haben ihn wieder einzuwickeln. Der Müll ist im Schiff und um das Schiff herum gestreut, der Pavillion steht mit eingewickelt mitten auf dem Platz und unter dem Baum wo die Masken sich verstecken, liegt ein dicker Haufen Dünnes... Der Geist der sich in dieser Nacht hier ausgetobt hat hatte Dünnpfiff. Besonders ärgerlich ist, dass einige Teile des Schiffs kaputt gemacht worden sind - dem Drachenkopf, den gestern jemand mit viel Mühe gebaut hat fehlt der Unterkiefer - aber wird im Laufe des Tages wieder restauriert soweit er sich wieder herstellen lies. Auch die Tür der Kapitänskabine ist defekt und muss wieder repariert werden. Bei uns kann jeder mitbauen und sich mit einbringen - schade wenn es so geschieht.

Segelprobe
Nachdem die Spuren vom Geist wieder entfernt wurden, heute wieder eine kleine Premiere - Das erste Mal hissen wir die Segel, die die Gruppenmitglieder von Maske Blauhaus in Tinaia genäht und bedruckt haben. Wir probieren die besten Positionen aus, schauen von allen Seiten und testen die Windstandhaftigkeit.
Verdichten verdichten
Heute wird das Schiff noch immer weiter verdichtet und stabiler gemacht, immer wieder entdeckt jemand eine kleine Lücke in die noch eine Latte soll - immer wieder wird gewackelt und die Stabilität geprüft. Oh - Karl hat heute Geburtstag und niemand hats gewusst - schnell wird noch ein kleiner Kuchen besorgt und ein Ständchen improvisiert...
Performance
Das Team hat sich noch gestern Abend Gedanken gemacht, wie die Performance und Abschlusspräsentation aussehen könnte. Die Struktur wird heute gleich ausprobiert der Applaus vom Publikum zeigt dass sie funktioniert. Langsam steigt die Aufregung wegen morgen...
Tag 6 - Vorbereitungen
Heute zielt alles in Richtung Aufführung. Die gesammte Technik, die wir für den Abend brauchen, wird auf den Platz gebracht. Der Aufbau beginnt - viele Helfer wuseln über den Platz - Pavillion aufbauen, Scheinwerfer hängen, Kabel verlegen... Als die Gesamtgruppe sich um 15 Uhr zum Gruppenfoto trifft ist das meiste schon fertig aufgebaut. Allerdings gibt es noch ein paar kleine Schwierigkeiten: kaputte Kabel und durchgebrannte Sicherungen - die Fehler müssen ersteinmal gefunden werden. Generalprobe auf dem Platz - die letzten Einweisungen, Absprachen mit der Musik, hoffentlich klappt alles und hoffentlich wird es nicht regnen. Immer wieder trifft uns ein Schauer, aber wir glauben daran, dass alles gut geht.

Am Abend, endlich ist alles Licht fertig eingestellt, alle Fehler behoben spielt die GHW-Combo schon mal zum Aufwärmen. Das Aufwärmen haben ist auch nötig - es regnet und alle Bänke sind nass. Im Moment sind die Zuschauerreihen noch recht leer.
Abschlussperformance
Um kurz vor 21 Uhr hört der Regen auf und plötzlich scheinen von überall her noch Menschen zu kommen. Mit einer kleinen Verspätung starten wir nun mit der Abschlussperformance vor vollen Zuschauerreihen.
Selbst bei der Performance machen Passanten mit, laufen den Weg hinter dem Platz entlang und sind somit im Bild. Eine Gruppe Jugendlicher bleibt stehen und findet sich toll, dass sie mit auf der Bühne stehen. Die Performance dauert länger als bei der Probe - die Spieler/innen kommen in Fahrt und nutzen den Improvisationsfreiraum der immer wieder eingebaut ist. Die GHW-Combo improvisiert den Sound zum Geschehen - alles passt ineinander, auch wenn an einigen Stellen der Ablauf durcheinander gerät. Als zum Schluss die Segel gesetzt werden ist das Publikum beeindruckt und begeistert und bedankt sich mit langanhaltenden Applaus.
Tag X - Abbau und Schiff versetzen
Es ist Montag - der Montag danach. Die Kettensäge kommt zum Einsatz. Erst tut es ein wenig weh, das Schiff zu zerteilen. Der erste Schmerz weicht einer Geschäftigkeit und auch einer gewissen Faszination. Das Schiff wird in vier Teile zersägt und an einem neuen Platz wieder zusammengesetzt. Die Diakonie Wohnstätten haben eine Wiese der Erich–Freudenstein-Wohnanlage als neues Zuhause für das Schiff zur Verfügung gestellt. Fährt man die Geibelstraße auf die Wohnanlage zu, sieht man es dort stehen. Kaum ist es neu zusammengesetzt kommen die ersten Schaulustigen. Mit den Bewohnern wird das Schiff im Laufe der nächsten Zeit wieder neu stabilisiert werden.

Auf der Fahrt mit dem Schiff auf der Ladefläche wird von der vergangenen Woche geschwärmt und Pläne für weitere Aktionen geschmiedet: Eine Austellung mit Bildern, Skizzen von der Künstlerin. Vielleicht findet das Schiff noch des öffteren ein neues Zuhause...

